Seitenwechsel oder Spielabbruch! Der Klubfußball als Hure und rebellische Fans als Helden (verlängerte Fassung)

Eine Ablöse von 222 Millionen Euro und ein künftiges Tagessalär von rund 100.000 Euro plus Prämien für einen 25-jährigen Fußballspieler namens Neymar, der schon nach wenigen Arbeitsjahren im Besitz einer Yacht im Wert von 8 Millionen Dollar, zahlreichen Luxuskarossen, verschiedenster Immobilien oder mit Diamanten bestückter Ohrringe ist, könnten dem Fass des Anstands ja mal den Boden ausschlagen.

Willkommen im Circus Maximus

Danach sieht es allerdings nicht aus. Das Fußballvolk trägt seine bitter verdienten Groschen, lechzend nach Unterhaltung jeder Art, weiterhin brav in die Arenen der Kommerzballgesellschaften und ihrer herangezüchteten Gladiatoren. Dabei sind sogar einem Uli Hoeneß beim Wechsel des Brasilianers vom FC Barcelona zu Paris Saint-Germain ein paar Millionen zu viel verschoben worden. Und ein Hoeneß sollte sich mit dreistelligen Millionenbeträgen und »Balldantlern« auskennen. Aber auch dem unbeteiligten Beobachter dürfte klar sein: Ein Fußballspieler spielt nur Ball.

Javier Poves aus Spanien reichten im Jahr 2011, da war er 24, zehn Minuten Profifußball für Sporting Gijon in der Primera Division, um sich angewidert vom »kapitalistischen Fußball-System«, wie er damals sagte, abzuwenden. Einst spielte er, wie so viele, Fußball aus Liebe zum Spiel. Er kündigte seinen Vertrag, um Geschichte zu studieren und soll kein Geld mehr von Sporting entgegengenommen haben. Das vom Klub zur Verfügung gestellte Auto gab er zurück, da es sich falsch anfühle, zwei Wagen zu haben.

Ein Geschäftsmodell von Brot und Spielen

Offensichtlich sieht man das aber weder in Paris noch bei den unterhaltungsbedürftigen Zuschauern des nach neoliberalen Vorstellungen durchkommerzialisierten Fußballs in Resteuropa so. Und auch ein unter Korruptionsverdacht stehender und frei von Moral handelnder Investor Nasser Al-Khelaifi wird dem nichts abgewinnen können. Der katarische Präsident von Paris Saint-Germain dürfte in den Pariser Banlieus womöglich genauso wenig soziale Missstände erkennen, wie ein Franz Beckenbauer in Katar Sklaven auf den Baustellen für die Fußballweltmeisterschaft der FIFA. Vermutlich wurde der »Kaiser« von den Geschenken der Scheichs vor Ort geblendet. Vielleicht wusste Beckenbauer aber nicht, dass Sklaven in absoluten Erbmonarchien wie Katar keine Eisenketten mehr tragen, denn heute gibt es Bankkonten, die einfach leer bleiben können. Auch müssen moderne Gladiatoren keinen Tod mehr fürchten und dürfen sich nach Eintritt des Rentenalters, also spätestens mit Ende 30, den Kopf darüber zerbrechen, was mit der restlichen Lebenszeit anzufangen ist.

Die Solidarität der Lohnsklaven oder auch Arbeiter wurde jedenfalls schon früh, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, aufgebrochen, indem man die anfangs erfolgreichen Interessenvertretungen der Arbeiter zu bekämpfen begann. Dafür wurden unter anderem Werksklubs gegründet. In Deutschland zum Beispiel bei Bayer, Wacker, Carl-Zeiss, Volkswagen und Opel. International etwa bei Royal Arsenal (FC Arsenal), Lancashire and Yorkshire Railway (Manchester United), Philips (PSV Eindhoven), Pommery (Stade de Reims), Peugeot (FC Sochaux), Parmalat (AC Parma) sowie mit zahlreichen weiteren Werksteams in West- und Osteuropa (Zenit Sankt Petersburg, BATE Baryssau, Schachtar Donezk) und in anderen Teilen der Welt, ob in Asien (Urawa Red Diamonds, Sanfrecce Hiroshima), Südamerika oder Afrika. So sollte eine Identität mit dem Konzern und gegen andere Arbeiter hergestellt werden. Und die Strategie ging durchaus auf.

In einer verkehrten Welt

Mit erfolgreicher Öffentlichkeitsarbeit (Public Relations, PR), einer von Edward Bernays geprägten Bezeichnung für die in Verruf geratene Propaganda, hat man es über die Jahre geschafft, die Interessen der breiten Arbeiterschaft so sehr zu verdrehen, dass diese schlangestehen, um ihre Wochenlöhne für Tickets, Trikots und sonstige PR-Artikel moderner Gladiatoren auszugeben, die Logos von Konzernen spazieren tragen und scharenweise in die Fußballarenen pilgern. Auch wenn sie dafür kreuz und quer über den Kontinent reisen müssen.

Wen stört da schon der an maximale Ungerechtigkeit grenzende Umstand, der einem Jungkicker im Schlaf mehr Geld beschert, als manch Baustellensklave fern von Heimat und Familie unter der glühend heißen Wüstensonne Katars in seinem ganzen Arbeitsleben zusammenbuckeln könnte? Bleiben vielleicht die Ränge bei Spielen der europäischen Topligen, gar der Champions League leer, die Regale in den Fanshops voll und die Fernsehgeräte aus? Nein! Und das, obwohl schon die Gehälter der Mannschaftskollegen von Neymar oder auch der Manager und Funktionäre dieser ganzen Sportinszenierungen nichts weiter als Hohn und Spott für jeden ehrlich und hart arbeitenden Menschen sind.

Die Prostitution der Fußballklubs

Wen stört es, dass sich Konzerne und Oligarchen die Hure Fußballverein besorgen, um sie als Kapitalgesellschaft auf den Strich zu schicken oder sie für ihr privates Vergnügen missbrauchen? Sie gehen das Ganze nicht einmal sportlich mit einem Neustart in der letzten Liga an, um sich durch den Amateursumpf bis nach oben zu spielen.

Unter dem billigen Vorwand, in die Region zu investieren, nimmt man den Platz gewachsener Vereine ein. Dabei spielt es für den unkritischen Fußballkonsumenten keine Rolle, dass man, um etwa Jugend- oder Sportzentren zu errichten, was ja auch ein Versagen der Politik sein könnte, keineswegs einen traditionsreichen Fußball- oder Sportverein auslöschen muss. Ein Sportzentrum ließe sich problemlos errichten. Ob und wie das allerdings den Absatz der eigenen Produkte steigert, steht auf einem anderen Blatt. Und eben darin unterscheidet sich ein echter Fußballfan vom beliebig austauschbaren Zuschauer und Dauerklatscher der Partymeilen des Public Viewing.

Die TSG Hoffenheim hatte in der Ober- und bis vor gut zehn Jahren in der Regionalliga im Schnitt keine 2.000 Fans, aber eben Fans. Ähnlich sah es beim SSV Markranstädt, heute RB Leipzig, aus. Mittlerweile spielen beide, die TSG 1899 Hoffenheim Fußball-Spielbetriebs GmbH und die RasenBallsport Leipzig GmbH, in der ersten Bundesliga. Dabei kommt der SAP-Ableger aus dem überschaubaren Örtchen Hoffenheim auf knapp 30.000 Zuschauer pro Heimspiel und die sächsische Filiale von Red Bull (RasenBallsport) zieht rund 40.000 Besucher an. In beiden Fällen einem Vielfachen der Einwohnerzahl der jeweiligen Orte. Dabei gäbe es für Fußballbegeisterte ja auch zahlreiche andere Vereine wie die traditionsreichen Viertligisten SV Waldhof Mannheim oder die Lok aus Leipzig in der Umgebung. Auf Erstligaspektakel muss man aber hin und wieder, eventuell auch dauerhaft verzichten können, wenn man sich mit einem FC verbunden fühlt und mit dem Fußballvirus infiziert ist. Wie man mit einem Kleinstadtklub ganz ohne Milliardär erfolgreich sein kann, zeigen dagegen die Zweitligavereine SV Sandhausen und FC Erzgebirge Aue.

Götzendiener gegen Rebellen

Für den Psychologieprofessor Rainer Mausfeld von der Christian-Albrechts-Universität Kiel führt der gedankenlose Konsumismus, sich von irgendeinem Event belustigen zu lassen und in der anonymen Masse unterzugehen, zu einem Identitätsverlust, einer unersättlichen Gier nach verschiedenen Formen falscher Identitäten, die mit der eigenen Lebenswelt nicht viel zu tun haben und durch belanglose Unterhaltung, durch Plattformen wie Facebook und vermeintliche Stars und Sternchen gefördert wird. Wie sagte doch Albert Einstein: »Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf sein.«

In der Sendung Blickpunkt Sport kritisierte zuletzt Ewald Lienen, Ex-Trainer vom linkslastigen Kultklub FC St. Pauli, den albernen Autogramm- und Selfiewahn im Fußballsport. In anderen Ländern hätten die Menschen mehr Stolz und eine größere Wertschätzung von sich und ihrer Arbeit, weshalb es dort nicht so viele Autogrammjäger wie in Deutschland gibt. Lienen hatte schon als Spieler eine klare Haltung und wollte die Fußballweltmeisterschaft unter der damaligen Militärdiktatur in Argentinien boykottieren. Es bleibt abzuwarten, wie viele Fans und Akteure seinem Beispiel folgen, wenn die FIFA-WM im Emirat Katar ansteht.

Ein anderes Beispiel für Fußballrebellion, für Widerstand und Haltung stellen die (ehemaligen) Fans von Manchester United dar. Aus Protest vor der Übernahme ihres Klubs durch den US-Investor Malcolm Glazer, die Lancashire and Yorkshire Railway existiert seit 1921 nicht mehr, gründeten sie ihren eigenen Klub, den FC United of Manchester. Der von Fans geführte Sechstligist verfügt heute über ein vereinseigenes Schmuckkästchen, den Broadhurst Park mit Platz für 4.400 Fans, einen eigenen TV-Kanal und in den Ferien werden kostenlose Sportkurse für sieben bis 16-Jährige angeboten. Und das alles ohne einen Mäzen.

Ähnlich machten es wenige Jahre zuvor die Fans vom FC Wimbledon mit der Gründung des mittlerweile drittklassigen AFC Wimbledon. Bemerkenswert ist dabei, dass der AFC in Besitz einer von Fans errichteten Non-Profit-Organisation ist.

Auch die Anhänger von Austria Salzburg gingen nach der Übernahme durch den Brausekonzern Red Bull des Oligarchen Dietrich Mateschitz – Red Bull hat seitdem sechs Fußballfilialen mit Einheitslogo in vier Kontinenten hochgezogen, vielleicht schluckt man ja schon bald die restlichen neun »Tipico-Erstligisten« Österreichs – ebenso ihren eigenen Weg. Die Fans fusionierten aus Protest mit einem anderen Salzburger Verein und gründeten auf diesem Weg ihre Austria wieder. Zeitweise schafften es die Mozartstädter sogar in den Profifußball zurück. Dabei solidarisierten sich 23 Klubs aus Österreich, 53 aus dem restlichen Europa, zwei aus den USA und zuletzt die Fans von Maccabi Haifa unter dem Motto »Herz statt Kommerz« sowie zahlreiche Klubs unterer Ligen, mit der violetten Bewegung der Salzburger.

Aber sogar bei Hoeneß kommen langsam Zweifel auf, denn »irgendwann werden die Zuschauer das nicht mehr mitmachen«, wie der Präsident der FC Bayern München AG meint. Noch ärgerlicher als das Fernbleiben von Zuschauern, ist es allerdings, wenn, wie in unmittelbarer Nachbarschaft vom Büro Hoeneß geschehen, der Investor (Hasan Ismaik) nicht mehr so recht mitspielt. Dann heißt es runter in die höchste Amateurklasse. So wie beim TSV 1860 München. Und da braucht man eigentlich auch keine Fußballkonsumenten mehr, denn dort treffen sich jede Woche Tausende Fans so mancher Kultvereine, ob von Lok Leipzig (VfB Leipzig), Rot-Weiß Essen oder den Offenbacher Kickers wieder, um den echten Fußball, nicht jenen mit Fernglas aus der hundertsten Reihe weit über den Champagnerlogen, zu leben und den Geruch des Rasens zu inhalieren. Bei Wind und Wetter.

Die Seiten wechseln oder besser ganz vom Platz!

Der junge Ex-Verteidiger Poves aus Gijon hatte dagegen nicht mal mehr Lust auf unterklassigen Fußball. »Je besser man den Fußball kennenlernt, desto klarer sieht man, dass sich alles nur ums Geld dreht«, gab dieser damals der spanischen Zeitung »El Pais« zu Protokoll. Er wollte einfach nicht mehr Teil eines Systems sein, in dem wenige Leute viel Geld einkassieren, weil andere Menschen in Südamerika, Afrika und Asien sterben. Die Entscheidung des Spaniers, der sich damals als weder links noch rechts bezeichnete und Bücher wie »Das Kapital« oder »Mein Kampf«
las, wird, von Hoeneß, Neymar und Kollegen womöglich genauso wenig nachvollzogen, wie der Widerstand gegen den modernen Fußballsport.

Solange sich Arbeiter die Hemden multinationaler Konzernmannschaften überstülpen und sich mit Showveranstaltungen, wie der US-Version eines deutschen Pokalfinales, von ihren eigentlichen Interessen ablenken lassen, rollt der Ball für die Investoren auf das richtige Tor. Bleiben die Ränge dabei voll, stört auch kein achtminütiges Pfeifkonzert.

Aber wer weiß, vielleicht kommen abgehängte Klubs eines Tages auf die Idee, eine Herz- statt Kommerzliga zu gründen, ohne Kapitalgesellschaften und Mäzene. Sponsoren würden Sponsoren bleiben, vernünftige Budgetobergrenzen könnten für Spannung und soziale Bindung zwischen Zuschauern und Akteuren sorgen. Denn eines ist klar: Bevor Gehaltsexzesse und der Handel mit Kindern durch gierige Eltern und Berater im Fußball durch die korrupte FIFA oder die nicht minder von Lobbyismus zersetzte Politik verboten werden, gewinnt ein von Fans geführter Klub wie Austria Salzburg die Champions League.

Rubikon

Brot und Spiele: Die Abgründe des kommerzialisierten Fußballbetriebes (ursprüngliche Fassung)

Paris Saint-Germain legt 222 Millionen Euro für einen jungen Brasilianer hin. Doch das Fußballvolk, gierend nach Unterhaltung jeder Art, trägt seine bitter verdienten Groschen in die Arenen der Kommerzballgesellschaften und ihrer herangezüchteten Gladiatoren.

Was zu viel ist, ist zu viel. Und 222 Millionen Euro Ablöse bei einem Gehalt von rund 100.000 Euro – nicht im Jahr, am Tag – für einen jungen Brasilianer namens Neymar, der unter anderem schon eine Luxusjacht im Wert von 8 Millionen US-Dollar, zahlreiche Luxuskarossen, Immobilien oder Diamantohrringe besitzt, sind zu viel, auch wenn er den Ball unendlich lange danteln oder schnell wie der Blitz damit rennen kann. So ungefähr meint das jedenfalls Uli Hoeneß, der sich selbst mit dreistelligen Millionenbeträgen und Balldantlern auskennen sollte.

Dem Fußballer Javi Poves aus Spanien reichten im Jahr 2011, da war er 24, hingegen zehn Minuten Profifußball für Sporting Gijon in der Primera Division, um sich angewidert vom „kapitalistischen Fußball-System“, wie er damals sagte, abzuwenden. Einst spielte er, wie so viele, Fußball aus Liebe zum Spiel. Er kündigte seinen Vertrag, um Geschichte zu studieren und soll kein Geld mehr von Sporting entgegengenommen haben. Das vom Klub zur Verfügung gestellte Auto gab er zurück, da es sich falsch anfühle, zwei Wagen zu haben.

Multimillionäre in den Weltstädten, Sklaven auf Katars Baustellen

Aber ganz offensichtlich sieht man das weder in Paris noch bei den unterhaltungsbedürftigen Zuschauern des durchkommerzialisierten Fußballs in Resteuropa so. Auch ein frei von Moral handelnder Investor wie Nasser Al-Khelaifi wird dem nichts abgewinnen können. Der katarische Präsident von Paris Saint-Germain dürfte in den Pariser Banlieues womöglich genauso wenig soziale Missstände erkennen wie ein Franz Beckenbauer in Katar Sklaven auf den Baustellen für die Fußballweltmeisterschaft der FIFA.

Kann sein, dass sich der „Kaiser“ vor Ort nur von Geschenken seiner Gastgeber blenden ließ. Vielleicht wusste Beckenbauer auch nicht, dass Sklaven in absoluten Monarchien wie in Katar keine Eisenketten mehr tragen, denn heute gibt es Bankkonten, die einfach leer bleiben können. Auch müssen moderne Gladiatoren keinen Tod mehr fürchten und dürfen sich nach Eintritt des Rentenalters, also spätestens mit Ende 30, den Kopf darüber zerbrechen, was mit der restlichen Lebenszeit anzufangen ist.

Der Zusammenhalt der Sklaven, Lohnsklaven oder auch Arbeiter wurde jedenfalls schon früh, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, aufgebrochen, indem man die anfangs erfolgreichen Interessenvertretungen der Arbeiter zerschlug. Dafür begann man früh, Werkklubs zu gründen. In Deutschland zum Beispiel bei Bayer, Wacker, Carl Zeiss, Volkswagen und Opel. International war Gleiches etwa bei Royal Arsenal (FC Arsenal), Lancashire and Yorkshire Railway (Manchester United), Philips (PSV Eindhoven), Pommery (Stade de Reims), Peugeot (FC Sochaux) oder Parmalat (AC Parma) der Fall. Auch entstanden zahlreiche weitere Werksteams in West- und Osteuropa (Zenit Sankt Petersburg, BATE Baryssau, Schachtar Donezk) und in anderen Teilen der Welt, ob in Asien (Urawa Red Diamonds, Sanfrecce Hiroshima), Südamerika oder Afrika, um ein Identitätsgefühl gegenüber dem Konzern und gegen andere Arbeiter herzustellen.

Verkehrte Welt: Löhne wandern in Trikots und Arena-Besuche

Mit Propaganda, wegen der Begeisterung der Nazis für diese Methode der Meinungsmache später in Öffentlichkeitsarbeit (PR) umbenannt, hat man es dann auch geschafft, die Interessen der breiten Arbeiterschaft dahin zu steuern, dass diese ihre Wochenlöhne für Tickets und Trikots der millionenschweren Gladiatoren ausgibt, um die Logos von Konzernen Spazieren tragen und obendrein in Scharen sogar zu den Auswärtsspielen in die Arenen zu pilgern. Und das selbst dann, wenn die Leute dafür kreuz und quer über den Kontinent reisen müssen.

Wen stört da schon der an maximale Ungerechtigkeit grenzende Umstand, der einem Jungkicker im Schlaf mehr Geld beschert als manch ein Baustellensklave fern der Heimat und Familie unter der glühend heißen Sonne Katars in seinem ganzen Arbeitsleben zusammenbuckeln könnte?

Bleiben etwa die Ränge bei Spielen der ersten Ligen in Frankreich, Spanien, England, Deutschland oder Italien, gar der Champions League, leer, die Regale in den Fanshops voll und die Fernsehgeräte aus? Nein! Und das, obwohl schon die Gehälter der Mannschaftskollegen des 25-jährigen Neymar oder auch der Hintermänner dieser ganzen Sportinszenierungen nichts weiter als Hohn und Spott für jeden ehrlich und hart arbeitenden Menschen sind.

Wie sich Fußballklubs prostituieren

Wen juckt es, dass sich Konzerne und Oligarchen ihren ganz persönlichen Fußballverein gleichsam als Kurtisane besorgen, um diese als Kapitalgesellschaft auf den Strich zu schicken oder sie für ihre private Liebhaberei zu vergewaltigen? Sie gehen das Ganze nicht einmal sportlich mit einem Neustart in der letzten Liga an, um sich durch den Amateursumpf nach oben zu spielen.

Unter dem billigen Vorwand, in die Region zu investieren, nimmt man den Platz alter Vereine ein. Dabei spielt es für den unkritischen Fußballkonsumenten keine Rolle, dass man, um etwa Jugend- oder Sportzentren zu errichten, was ja auch ein Versagen der Politik sein könnte, keineswegs einen Fußball- oder Sportverein auslöschen muss. Ein Sportzentrum ließe sich auch einfach so errichten. Ob und wie das allerdings den Absatz der eigenen Produkte steigert, steht auf einem anderen Blatt. Und eben darin unterscheidet sich ein Fußballfan vom beliebig austauschbaren Zuschauer und Dauerklatscher der Partymeilen des Public Viewing.

Die TSG Hoffenheim hatte in der Ober- und bis vor gut zehn Jahren in der Regionalliga im Schnitt keine 2.000 Fans, aber eben Fans. Ähnlich sah es beim SSV Markranstädt, heute RB Leipzig, aus. Mittlerweile spielen beide, die TSG 1899 Hoffenheim Fußball-Spielbetriebs GmbH und die RasenBallsport Leipzig GmbH, in der ersten Liga. Dabei kommt der SAP-Ableger aus dem überschaubaren Örtchen Hoffenheim auf knapp 30.000 Zuschauer pro Heimspiel und die sächsische Filiale von Red Bull (RasenBallsport) zieht rund 40.000 Besucher an. In beiden Fällen ein Vielfaches der Einwohnerzahl der jeweiligen Orte. Wie man mit einem Kleinstadtklub auch ohne Milliardär erfolgreich sein kann, zeigen hingegen zum Beispiel die Zweitligavereine SV Sandhausen und FC Erzgebirge Aue.

Götzendienst und Widerstand

Für den Psychologieprofessor Rainer Mausfeld von der Christian-Albrechts-Universität Kiel führt eben jener gedankenlose Konsumismus, sich von irgendeinem Event belustigen zu lassen und in der anonymen Masse unterzugehen, zu einem Identitätsverlust, einer unersättlichen Gier nach verschiedenen Formen von Falschidentitäten, die mit der eigenen Lebenswelt nicht viel zu tun haben und durch belanglose Unterhaltung, durch Plattformen wie Facebook und vermeintliche Stars und Sternchen, gefördert wird. Wie sagte doch Albert Einstein: »Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf sein.«

In der Sendung Blickpunkt Sport kritisierte zuletzt Ewald Lienen, Ex-Trainer des FC St. Pauli, den albernen Autogramm- und Selfiewahn im Fußballsport. In anderen Ländern hätten die Menschen mehr Stolz und eine größere Wertschätzung von sich und ihrer Arbeit, weshalb es dort nicht so viele Autogrammjäger wie in Deutschland gibt. Lienen hatte schon als Spieler eine klare Haltung und wollte die Fußballweltmeisterschaft unter der damaligen Militärdiktatur in Argentinien boykottieren. Es bleibt abzuwarten, wie viele Fans und Akteure seinem Beispiel folgen, wenn die FIFA-WM in Katar ansteht.

Ein anderes Beispiel für Widerstand und Haltung stellen die Fans von Manchester United dar. Aus Protest vor der Übernahme ihres Klubs durch den US-Investor Malcolm Glazer, die Lancashire and Yorkshire Railway existiert seit 1921 nicht mehr, gründeten sie ihren eigenen Klub, den FC United of Manchester. Der fangeführte Sechstligist verfügt heute über ein vereinseigenes Schmuckkästchen (Broadhurst Park) mit Platz für 4.400 Fans, einen eigenen TV-Kanal und für 7- bis 16-Jährige werden kostenlose Ferienkurse angeboten. Und das alles ohne Mäzen.

Ähnlich machten es wenige Jahre zuvor die Fans vom FC Wimbledon mit der Gründung des mittlerweile drittklassigen AFC Wimbledon. Bemerkenswert ist dabei, dass der AFC in Besitz einer von Fans errichteten Non-Profit-Organisation ist.

Auch die Fans von Austria Salzburg gingen nach der Übernahme durch den Brausekonzern Red Bull des Oligarchen Dietrich Mateschitz – Red Bull hat seitdem sechs Fußballfilialen in vier Kontinenten hochgezogen, vielleicht schluckt man ja schon bald die restlichen neun Erstligisten Österreichs – ebenso ihren eigenen Weg. Zeitweise schafften es die Mozartstädter sogar in den Profifußball zurück. Dabei solidarisierten sich 23 Klubs aus Österreich, 53 aus dem restlichen Europa, zwei aus den USA und zuletzt die Fans von Maccabi Haifa unter dem Motto „Herz statt Kommerz“ sowie zahlreiche Klubs unterer Ligen mit der violetten Bewegung der Austria.

Aber sogar bei Hoeneß kommen langsam Zweifel an der Entwicklung auf, denn „irgendwann werden die Zuschauer das nicht mehr mitmachen“, wie er meint. Noch ärgerlicher als das Fernbleiben von Fußballspielbesuchern ist es, wenn, wie in unmittelbarer Nachbarschaft vom Büro Hoeneß bei der FC Bayern München AG, der Investor (Hasan Ismaik) nicht mehr so recht mitspielt. Dann heißt es runter in die höchste Amateurklasse. So wie beim TSV 1860 München. Und für die braucht man auch keine Fußballkonsumenten mehr, denn dort treffen sich jede Woche tausende Fans so mancher Kultvereine, ob von Lok Leipzig (VfB Leipzig), Rot-Weiß Essen oder den Offenbacher Kickers wieder, um den echten Fußball, nicht jenen mit Fernglas aus der hundertsten Reihe weit über den Champagnerlogen, zu leben und den Geruch des Rasens zu inhalieren.

Seitenwechsel oder gleich ganz vom Platz?

Der junge Ex-Verteidiger Poves aus Gijon hatte dagegen nicht mal mehr Lust auf unterklassigen Fußball. „Je besser man den Fußball kennenlernt, desto klarer sieht man, dass sich alles nur ums Geld dreht“, gab dieser damals gegenüber der spanischen Zeitung El Pais zu Protokoll. Er wollte einfach nicht mehr Teil eines Systems sein, in dem wenige Leute viel Geld einkassieren, weil andere Menschen in Südamerika, Afrika und Asien sterben. Die Entscheidung des Spaniers, der sich damals als weder links noch rechts bezeichnete und Bücher wie „Das Kapital“ oder „Mein Kampf“ las, wird von Hoeneß, Neymar und Kollegen womöglich genauso wenig nachvollzogen wie der Widerstand gegen den modernen Fußball an sich.

Solange sich Arbeiter die Hemden multinationaler Konzernmannschaften überstülpen und sich mit Showveranstaltungen wie der US-Version eines deutschen Pokalfinales von ihren eigentlichen Interessen ablenken lassen, rollt der Ball für die Investoren schließlich auf das richtige Tor. Und wenn die Ränge dabei noch voll bleiben, stört auch kein achtminütiges Pfeifkonzert.

Aber wer weiß, vielleicht kommen abgehängte Klubs eines Tages auf die Idee, eine Herz- statt Kommerzliga zu gründen, ohne Kapitalgesellschaften und Mäzene. Sponsoren würden Sponsoren bleiben, Budgetobergrenzen könnten für Spannung und soziale Bindung zwischen Zuschauern und Akteuren sorgen. Denn eines ist klar: Bevor Gehaltsexzesse und der Handel mit Kindern durch gierige Eltern und Berater im Fußball durch die korrupte FIFA oder die nicht minder von Lobbyismus zersetzte Politik verboten werden, gewinnt ein von Fans geführter Klub wie Austria Salzburg die Champions League.

RT Deutsch

Hure Fußballverein! (gekürzte Fassung)

Was zuviel ist, ist zuviel. 222 Millionen Euro Ablöse und ein Gehalt von rund 100.000 Euro am Tag für Neymar, der ja schon eine Yacht, Luxusautos, Immobilien, Diamantohrringe etc. besitzt, sind zuviel, auch wenn er den Ball unendlich lange »danteln« oder schnell wie der Blitz damit rennen kann. So ungefähr meint das jedenfalls Uli Hoeneß, der sich mit dreistelligen Millionenbeträgen und Balldantlern auskennen sollte.

Dem Fußballer Javier Poves aus Spanien reichten im Jahr 2011, da war er 24, zehn Minuten Profifußball für Sporting Gijon in der Primera División, um sich angewidert vom »kapitalistischen Fußballsystem«, wie er damals sagte, abzuwenden. Einst spielte er, wie so viele, Fußball aus Liebe zum Spiel. Er kündigte seinen Vertrag, um Geschichte zu studieren, und soll kein Geld mehr von Sporting entgegengenommen haben. Das vom Klub zur Verfügung gestellte Auto gab er zurück, da es sich falsch anfühle, zwei Wagen zu haben.

Offensichtlich sieht das Investor Nasser Al-Khelaifi anders. Nicht auszuschließen, dass der katarische Präsident von Paris Saint-Germain in den Pariser Banlieus so wenig soziale Missstände erkennen würde wie Franz Beckenbauer in Katar Sklaven auf den WM-Baustellen. Vermutlich wusste der »Kaiser« damals nicht, dass Sklaven in Monarchien wie Katar keine Eisenketten mehr tragen. Auch müssen moderne Gladiatoren heute keinen Tod mehr fürchten, dürfen sich also nach Eintritt des Rentenalters mit spätestens Ende 30 den Kopf darüber zerbrechen, was ohne Geld mit der restlichen Lebenszeit anzufangen wäre.

Der Zusammenhalt der Sklaven, Lohnsklaven oder auch Arbeiter wurde schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts unterminiert, indem man die anfangs erfolgreichen Interessenvertretungen der Arbeiter zerschlug und etwa Werkklubs zu gründen begann, in Deutschland zum Beispiel bei Bayer, Wacker, Carl Zeiss, Volkswagen und Opel. International etwa bei Royal Arsenal (FC Arsenal), Lancashire and Yorkshire Railway (Manchester United), Philips (PSV Eindhoven), Pommery (Stade de Reims) oder Peugeot (FC Sochaux). Es gibt auch Werkteams in Asien (Urawa Red Diamonds, Sanfrecce Hiroshima), Südamerika oder Afrika. Diese Klubs sollen die Identifizierung mit einem Konzern sicherstellen, in Konkurrenz zu anderen Arbeitern.

Mit Propaganda, heute wegen der Begeisterung der Nazis dafür lieber Öffentlichkeitsarbeit (PR) genannt, wurden die Interessen der breiten Arbeiterschaft so verdreht, dass diese Wochenlöhne für Trikots der Junggladiatoren ausgibt und Logos ihrer Ausbeuter spazieren trägt.

Wen stört schon, dass ein Jungkicker im Schlaf mehr verdient, als mancher Baustellensklave fern von Heimat und Familie unter der glühend heißen Sonne Katars in seinem ganzen Arbeitsleben zusammenbuckeln könnte? Bleiben etwa die Ränge bei Spielen der ersten Ligen in Europa leer, die Regale in den Fanshops voll und die Fernsehgeräte aus? Nein. Wen juckt es also, dass Konzerne und Oligarchen die Hure Fußballverein als Kapitalgesellschaft auf den Strich schicken oder für ihre private Liebhaberei vergewaltigen?

Wer weiß, vielleicht kommen abgehängte Klubs eines Tages auf die Idee, eine Herz- statt Kommerzliga zu gründen, ohne Kapitalgesellschaften und Mäzene. Sponsoren würden Sponsoren bleiben, Budgetobergrenzen könnten für Spannung und soziale Bindung im Verein sorgen. Denn eines ist klar: Bevor Gehaltsexzesse und der Handel mit Kindern durch gierige Eltern und Berater im Fußball durch die korrupte FIFA oder die nicht minder von Lobbyismus zersetzte Politik verboten werden, gewinnt ein von Fans geführter Klub wie Austria Salzburg die Champions League.

junge Welt

Gab es im Bayerischen Nationalmuseum jahrelang Missstände?

Lange gingen Gerüchte über Geldunterschlagung und Mobbing beim Personal um. Was ist an den Vorwürfen dran? Die Zuständigen im Museum schweigen beharrlich.

In einem anonymen Schreiben aus dem Jahr 2012 heißt es, dass viele Kollegen »unter Mobbing durch Vorgesetzte und alteingesessene Mitarbeiter, die seit mehr als zwanzig Jahren unverändert an der Kasse arbeiten« leiden. Auslöser für das von zwei Mitarbeitern verfasste Schreiben waren Berichte über Ermittlungen wegen Veruntreuung von Geldern in Schloss Neuschwanstein. Im Bayerischen Nationalmuseum (BNM) ginge »es noch schlimmer zu«. Das damals an diverse Medien, unter anderem an die Augsburger Allgemeine und die Süddeutsche Zeitung, adressierte Schreiben führte zwar zu keiner Veröffentlichung, gelangte aber an die Museumsleitung.

Gerüchte über die »Veruntreuung öffentlicher Gelder und der Bildung von „schwarzen Kassen“«, durch die dem Museum jedes Jahr mehrere Tausend Euro entgehen, wie es in dem Brief weiter heißt, gingen angeblich um. Konkret seien seit Jahren etwa Preisdifferenzen bei falsch ausgestellten Tickets vereinnahmt, Audioguides und Museumskarten unquittiert oder dieselben Garderobenmarken mehrmals ausgegeben sowie Trinkgelder über Jahre einkassiert worden. Kollegen im Aufsichtsdienst, die auf die Missstände hinwiesen, wurden von anderen Mitarbeitern und Vorgesetzten gemobbt, wie aus interner Korrespondenz hervorgeht.

Aus Mangel an Beweisen

Handfeste Belege für die systematische Unterschlagung von Geldern gab es allerdings keine. Aus Angst um ihren Arbeitsplatz – es soll zu Anfeindungen wie »scheiß Jude«, verbaler sexueller Belästigung, dem Einsperren in dunklen Räumen oder Unterschriftensammlungen gegen bestimmte Kollegen gekommen sein – wagten nur wenige Mitarbeiter die Vorwürfe anzusprechen. Auch wären Krankschreibungen zurückgehalten worden und sogar von Pfusch bei den Sanierungsarbeiten des Nationalmuseums war die Rede.

Die Leitung im BNM musste aber schon seit 2011 über die Missstände informiert gewesen sein, da in einem von mehreren Kollegen unterzeichneten Gesprächsprotokoll an den Personalrat von »Unklarheiten bei der Abrechnung bzw. Auffälligkeiten beim Kartenverkauf bei Sonderausstellungen und bei der Ausgabe der Audio-Guides« berichtet wurde. Es sei ein offenes Geheimnis, »dass bei der Abrechnung […] in den vergangenen Jahren Unkorrektheiten aufgetreten sind.« Auch von privaten Feiern einiger Mitarbeiter war die Rede. In einer späteren Mail vom November 2011 wird ebenfalls darum gebeten, den Verdacht »der nicht korrekten […] Kassenbedienung« im Personalrat anzusprechen. Und 2013 schrieben fünf Mitarbeiter aus dem Aufsichtsdienst an die Museumsleitung, dass sich Kollegen mehrfach wegen Mobbing »an die weiteren Vorgesetzten und den Personalrat, jeweils ohne Erfolg«, gerichtet haben.

Doch anstatt die Vorwürfe zu überprüfen und die Missstände zu beseitigen, wären die Verdächtigen ständig von oben gedeckt worden, was unter anderem dazu führte, dass ein Mitarbeiter im November 2011 Auskünfte über ein Vorgehen wegen Korruption bei der Polizei einholte. Im Juni 2012 wandten sich dann weitere Mitarbeiter in einem gemeinsamen Schreiben an Regierungsdirektor Robert Kichmaier, um über die Vorkommnisse im BNM zu berichten.

Kampf gegen Windmühlen

Besonders ein Mitarbeiter, der namentlich nicht genannt werden möchte, ließ dabei nicht locker und prangerte die Missstände intern immer wieder an, was zu einer Abmahnung, seiner psychische Erkrankung und letztlich zur Kündigung des Arbeitsverhältnisses und seiner Wohnung führte. Nachdem er mit seinen Vorwürfen im BNM kein Gehör fand, wandte er sich im Laufe der Zeit auch an externe Stellen und klopfte dabei an immer größere Türen.

So antwortete ihm das Bayerische Staatsministerium mit Schreiben vom 16. August 2012, dass sein Verdacht der Geldunterschlagung durch Mitarbeiter im BNM »im Wesentlichen nicht haltbar bzw. beweisbar« wäre. Die routinemäßige Prüfung der Geldannahmestelle blieb ohne Beanstandung, wie die Museumsleitung dem Staatsministerium versicherte. »Gleichwohl seien die Einnahmen im Garderobenbereich umgestellt und die Trinkgeldkasse aufgelöst worden.« Für eine weitere Sachverhaltsaufklärung würden keine Ansatzpunkte vorliegen.

Auch eine in der Folge gestellte Strafanzeige wurde zurückgewiesen, »da ein Tatnachweis nicht mit der für eine Anklageerhebung erforderlichen Sicherheit geführt werden« könne.

Dabei heißt es im Korruptionsleitfaden des Freistaats Bayern, dass »die Aufdeckung von Korruptionshandlungen« mangels eines »beschwerdeführenden Geschädigten« grundsätzlich erschwert ist. Trotzdem ist »Indizien nachzugehen und den Dienstvorgesetzten unverzüglich« mitzuteilen. Mitarbeiter, die Hinweise geben, sollten vor »Anfeindungen aus dem Kollegenkreis« geschützt werden. Korruption ist kein Kavaliersdelikt und würde schon mit »kleinen Gefälligkeiten« anfangen.

Hartnäckiges Schweigen im BNM

Im Bayerischen Nationalmuseum hüllt man sich indes in Schweigen. Auf Nachfrage, was an den Vorwürfen dran sei, ob man bemüht war, mögliche Missstände aufzudecken, und wie die Auftragsvergabe bei der Sanierung des Museums ablief, könne man keine Auskunft erteilen und verwies lediglich auf den bis 27. September 2017 beurlaubten Verwaltungsleiter Dietmar Ruf. Doch auch nach diesem Termin gab es keine Antwort, weder von Ruf noch von der Pressestelle. Ebenso unbeantwortet blieb eine weitere Anfrage bei einem Mitglied des Personalrats.

Für den hartnäckigen Mitarbeiter setzten sich zwar einige seiner Kollegen immer wieder ein, doch bröckelte der Wille zur Aufklärung über die Jahre. Intern riet man ihm schon frühzeitig »über manche Dinge künftig hinwegzusehen«, denn könne er keine belastbaren Angaben vorlegen, sehe man für ihn »wirklich eine große Gefahr.« Im Mai 2017 reichte er eine Petition beim Bayerischen Landtag ein, um doch noch Bewegung in die Sache zu bringen. Einen konkreten Termin für die abschließende Beratung im Ausschuss für Fragen des öffentlichen Dienstes gibt es bisher allerdings nicht. Das zuständige Staatsministerium hat bis heute noch keine Stellungnahme dazu vorgelegt.

Nachtrag: Nachdem dieser Beitrag am 11. Oktober 2017 dem Münchner Merkur und der Süddeutschen Zeitung in einer ersten Fassung angeboten wurde, an einer Veröffentlichung war man nicht interessiert, es erfolgte keine Rückmeldung, meldete sich die Polizei am 12. und 13. Oktober 2017 bei dem gekündigten Mitarbeiter. Es würde im Nachgang zur seiner Anzeige gegen Verantwortliche des Bayerischen Nationalmuseums und seiner dazu im Mai eingereichten Petition an den Bayerischen Landtag »noch Abklärungsbedarf« geben. Wenige Tage später teilte man ihm mit, dass er wegen seiner Petition mit negativen Konsequenzen zu rechnen hat.

Pressenza, acTVism