Offener Brief: Der Einsatz für Menschenrechte ist nicht antisemitisch

Von über 90 jüdischen Wissenschaftlern und Intellektuellen:

In einem offenen Brief verurteilen namhafte jüdische Wissenschaftler und Intellektuelle, darunter Noam Chomsky, Eva Illouz, Alfred Grosser, Moshe Zimmermann, Judith Butler und Micha Brumlik, die Anfeindungen gegen den Verein Jüdische Stimme und rufen die deutsche Zivilgesellschaft auf, die freie Meinungsäußerung jener zu gewährleisten, die sich gegen die Unterdrückung der palästinensischen Bevölkerung wenden.

Der Einsatz für Menschenrechte ist nicht antisemitisch

In den letzten Jahren haben die israelische Regierung und ihre Unterstützer versucht, die Debatte über die systematische Unterdrückung der palästinensischen Bevölkerung und die verheerenden Auswirkungen der seit 51 Jahren andauernden Besatzung zu unterbinden. Zivilgesellschaftliche Organisationen in Israel und weltweit, die sich für die Menschenrechte der Palästinenser einsetzen, werden von israelischen Offiziellen in zynischer Weise als Feinde des Staates, Verräter und zunehmend als Antisemiten abgestempelt. Für kritisches Engagement bleibt immer weniger Raum.

Diese besorgniserregenden Entwicklungen sind auch an Deutschland nicht vorübergegangen. Wir unterstützen voll und ganz die Bemühungen der deutschen Zivilgesellschaft und Politik, alle heutigen Formen des Antisemitismus zu bekämpfen – ein bitter nötiges Anliegen angesichts des Aufstiegs nationalistischer Parteien und Bewegungen gerade einmal 73 Jahren nach der Überwindung des NS-Staats. Unter dem Vorwand des Schutzes jüdischen Lebens sind jedoch in dem Kontext Angriffe auf Organisationen und Personen, die sich mit den palästinensischen Bestrebungen nach Gleichheit und Befreiung solidarisch zeigen, inzwischen Alltag geworden. Die freie Rede in Bezug auf palästinensische Menschenrechte wird durch Forderungen, Diskussionen im öffentlichen Raum zu verbieten, durch öffentliche Verleumdungskampagnen und entsprechende Beschlüsse eingeschränkt.

Die Anfeindungen gegen die Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost (Jüdische Stimme) sind bezeichnend für dieses um sich greifende Phänomen und haben uns veranlasst, unsere Sorge gemeinsam zum Ausdruck zu bringen. Die Gruppe, zu deren Mitgliedern auch kürzlich nach Deutschland eingewanderte Israelis gehören, hat immer eindeutig ihre Stimme für Frieden und Gerechtigkeit in Israel und Palästina erhoben und konsequent jegliche Form von Rassismus und Antisemitismus verurteilt, einschließlich solcher Fälle, in denen diese sich hinter einer Kritik an Israel verbargen. Dennoch schloss die Bank für Sozialwirtschaft unter dem Einfluss einer Verleumdungskampagne seitens rechter Journalisten und Organisationen 2016 das Konto der Gruppe, eine Entscheidung, die die Bank kurz darauf wieder zurücknahm.

Der Druck auf eine deutsche Bank mit dem Ziel, das Konto einer jüdischen Organisation zu schließen – erstmalig seit die Bundesrepublik an die Stelle des nationalsozialistischen Staates getreten ist – hat jedoch seither keineswegs nachgelassen. Kürzlich entschloss sich die Bank in Abstimmung mit dem Beauftragten der Bundesregierung für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus, Dr. Felix Klein, eine Expertise über die Frage einzuholen, ob die Jüdische Stimme als »antisemitisch einzustufen« sei. Die deutsche Historikerin Dr. Juliane Wetzel übernahm die Aufgabe jenes Gutachten in Übereinstimmung mit der hochgradig politisierten und fragwürdigen Definition von Antisemitismus der Internationalen Allianz für Holocaustgedenken (IHRA) zu erstellen. Dieses IHRA-Dokument kann gefährlich instrumentalisiert werden, um dem israelischen Staat Immunität gegen Kritik an schwerwiegenden und verbreiteten Menschen- und Völkerrechtsverletzungen zu verschaffen – Kritik, die für legitim und nötig erachtet wird, wenn sie sich gegen andere Länder richtet.

Dieses Vorgehen ist alarmierend: Repräsentanten des deutschen Staates, Finanzsektors und der Wissenschaft sind zusammengekommen, um gemeinsam ein Urteil darüber zu fällen, ob eine Gruppe von Juden und Israelis, darunter viele Nachkommen von Holocaust-Überlebenden, antisemitisch sei. Aus gutem Grund weigern sich Mitglieder der Jüdischen Stimme, bei einem solchen lächerlichen und schamlosen Unterfangen mitzuwirken. 

Als jüdische und israelische Akademiker und Intellektuelle, die dem Kampf gegen Antisemitismus und alle Formen von Rassismus verpflichtet sind, verurteilen wir die laufende Kampagne, die darauf abzielt, die Jüdische Stimme und ihre Mitglieder zum Schweigen zu bringen, unabhängig davon, ob wir mit allen ihren Positionen übereinstimmen oder nicht. 

Wir rufen die deutsche Zivilgesellschaft dazu auf, Antisemitismus unnachgiebig zu bekämpfen und dabei klar zu unterscheiden zwischen Kritik am Staat Israel, so hart sie auch ausfallen mag, und Antisemitismus. Wir fordern sie weiter dazu auf, die freie Meinungsäußerung jener zu gewährleisten, die sich gegen die israelische Unterdrückung der palästinensischen Bevölkerung wenden und auf der Beendigung dieses Zustands bestehen. 

 

Wir stehen ein für Menschenrechte. 

Unsere Solidarität gilt der Jüdischen Stimme.

 

  • Prof. Gadi Algazy, Historian, Tel Aviv University
  • Dr. Meir Amor, Associate Professor, Department of sociology and Anthropology, Concordia University, Montreal, Canada
  • Prof. Gil Anidjar, Department of Religion, Department of Middle Eastern, South Asian, and African Studies, Columbia University, New York
  • Avigail Arnheim, Director of The Felicia Blumenthal Music Center Association and International Music Festival Tell Aviv
  • Dr. Yuval Ayalon, Department of History, Philosophy and Judaic Studies, The Open University of Israel
  • Dr. Tamar Amar-Dahl, Historian, Berlin
  • Prof. Outi Bat-El, Department of Linguistics, Tel-Aviv University
  • Dr. Shaul Bar-Haim, Sociology Department, University of Essex
  • Dr. Moshe Behar, Arabic & Middle Eastern Studies, School of Arts, Languages & Cultures
  • Prof. Zvi Ben-Dor, Department of History, NYU
  • Smadar Ben-Natan, adv., PhD Candidate Tel-Aviv University, Visiting Scholar, UC Berkeley
  • Dr. Ayelet Ben-Yishai, Chair, Department of English, University of Haifa
  • Prof. Dr. Gabriele Bergers, Department of Oncology, University of Leuven
  • Prof. Jerome Bourdon, Department of Communication, Tel Aviv University
  • Prof. Daniel Boyarin, Taubman Professor of Talmudic Culture, UC Berkeley
  • Dr. Mark Braverman, writer, activist, Research Fellow in Systematic Theology and Ecclesiology, Stellenbosch University
  • Prof. Judith Butler, Comperative Literature and Program for Clinical theory, UC Berkeley
  • Assistant Prof. Samuel Hayim Brody, Religious Studies, University of Kansas
  • Prof. emeritus José Brunner, Cohn Institute for the History and Philosophy of Science and Ideas, The Buchmann Faculty of Law, Tel Aviv University
  • Prof. emeritus Dr. Micha Brumlik, Fritz Bauer Institut, FfM
  • Prof. Rabbi Aryeh Cohen, American Jewish University
  • Prof. emeritus Noam Chomsky, MIT, Laureate Professor, University of Arizona
  • Prof. Yossi Dahan,  Law Prof. and head of the human rights program, College of Law & Business, Ramat Gan, Israel
  • Prof. emerita Sidra DeKoven Ezrahi, Comparative Literature, Hebrew University, Jerusalem
  • Prof. David Enoch, Department of Philosophy and Law, Hebrew University, Jerusalem
  • Prof. emeritus. Emmanuel Farjoun, Hebrew Universitiy, Jerusaelm
  • Prof. emeritus Gideon Freudenthal, Cohn Institute for the History and Philosophy of Science and Ideas, Tel Aviv University
  • Prof. Alon Friedman, MD, PhD, Denis Chair in Epilepsy Research, Department of Neuroscience and Paediatrics, Faculty of Medicine, Dalhousie University, Halifax, NS
  • Dr. Yoav Galai, Lecturer in Global Political Communication, Department of Politics and International Relations, Royal Holloway, University of London
  • Prof. Katharina Galor, Jewish Studies, Brown University, USA
  • Dr. Amira Gelblum, Historian, Open University, Israel
  • Prof. Rachel Giora, Department of Linguistics, Tel-Aviv University
  • Prof. Amos Goldberg, Former Chair of the Jewish History and Contemporary Jewry Department, Hebrew University, Jerusalem
  • Prof. Dr. Alfred Grosser, Germany
  • Associate Prof. Ran Greenstein, Sociology Department, University of the Witwatersrand, Johannesburg, South Africa
  • Prof. Heidi Grunebaum, Centre for Humanities Research, University of the Western Cape,
  • Dr. Ilana Hammerman, Writer and Editor, Jerusalem
  • Prof. Susannah Heschel, Eli Black Professor of Jewish Studies, Dartmouth College Hanover, USA
  • Prof. Hanan Hever, Department of Comparative Literature and Jewish Studies, Yale University
  • Prof. Eva Illouz, Department of Sociology and Anthropology, Hebrew University, Jerusalem
  • Dr. Anne Karpf, Reader at London Metropolitan University
  • Prof. Hannah Kasher, Department of Jewish Thought, Bar-Ilan University
  • Prof. emeritus Michael Keren, Department of Economics, Hebrew University, Jerusalem
  • Prof. Brian Klug, Faculty of Philosophy, University of Oxford
  • Prof. Francesca Klug, Visiting Professor at LSE Human Rights
  • Dr. Hagar Kotef, SOAS, University of London
  • Prof. Chana Kronfeld, Hebrew and Comparative Literature, University of California, Berkeley
  • Kuper Richard, European Politics, University of Hertfordshire (retired)
  • Nitzan Lebovic, Associate Professor of History, Apter Chair of Holocaust Studies and Ethical Values, Lehigh University, PA, USA
  • Prof. Gerardo Leibner, Historian, Tel Aviv University
  • Dr. Gal Levy, Democracy Studies, Open University, Israel
  • Dr. Andre Levy, Sociology and Anthropology, Ben Gurion University
  • Prof. emeritus Moshé Machover, Professor of Philosophy, University of London
  • Ruchama Marton, MD, Founder and Honorary President of Physicians for Human Rights – Israel
  • Dr. Anat Matar, The Dept. of Philosophy, Tel Aviv University
  • Rela Mazali, Author, Independent Scholar, Activist.
  • Dr. Gilad Melzer, Culture Studies, Beit Berl College
  • Prof. emeritus Everett Mendelsohn, History of Science, Harvard University
  • Prof. emeritus Paul Mendes-Flohr, Jewish Studies, Hebrew University, Jerusalem
  • Prof. Isaac (Yanni) Nevo, Department of Philosophy, Ben Gurion University
  • Dr. Amos Noy, Culture Studies, Jerusalem
  • Orly Noy, Writer, Journalist and Translator, Jerusalem
  • Atalia Omer, Associate Professor of Religion, Conflict and Peace Studies at the Kroc Institute for International Peace Studies at the University of Notre Dame
  • Prof. Adi Ophir, Tel Aviv University
  • Maayan Padan, Gender Program, Ben-Gurion University
  • Prof. emerita Benita Parry, English and comparative literature University of Warwick, UK
  • Prof. Steven Robins, Department of Sociology and Social Anthropology, Stellenbosch University, South Africa
  • Prof. Jacqueline Rose, Humanities and Co-Director, Birkbeck Institute for the Humanities, Birkbeck University of London
  • Prof. Jonathan Rosenhead, Department of Management, London School of Economics
  • Prof. Ishay Rosen-Zvi, Department of Jewish Philosophie and Talmud, Tel Aviv University
  • Prof. Michael Rothberg, English, Comparative Literature, and Holocaust Studies, UCLA
  • Dr. Sara Roy, Center for Middle Eastern Studies, Harvard University
  • Prof. emeritus Donald Sassoon, Comparative European History, School of History
  • Dr. Kobi Snitz, Department of Neurobiology, Weizmann Institut, Rehovot
  • Professor Lynne Segal, Birkbeck College, The University of London
  • Dr. Itamar Shachar, Marie Curie Post-doctoral Fellow, Department of Anthropology, University of Amsterdam
  • Professor Avi Shlaim, St. Anthony College, The University of Oxford
  • Dr. Marcos Silber, Chairman Department of Jewish History, University of Haifa
  • Prof. Michael Steinberg, Department of History, Brown University
  • Lior Sternfeld, Assistant Professor of History and Jewish Studies, Penn State University
  • Prof. Adam Sutcliffe, European History, Department of History, King’s College London
  • Ilana Sumka, Founder, The Center for Jewish Nonviolence
  • Associate Professor Moshik Temkin, History and Public Policy, Harvard
  • Dr. Anya Topolski, Associate Professor Ethics and Political Philosophy, Radboud Universiteit, Nijmegen
  • Dr. Nadia Valman, English Department, Queen Mary, University of London
  • Prof. Dr. Dr. Roy Wagner, Department of Humanities, Social and Political Sciences, ETH Zürich
  • Dr. Elian Weizman, lecturer in Middle East politics, Department of Politics and International Studies, SOAS, University of London
  • Rebecca Vilkomerson, Jewish Voice for Peace, USA
  • Dr. Yair Wallach, Israeli Studies, SOAS, University of London
  • Dr. Noga Wolff, Political Sciences, College for Academic Studies, Or Yehuda, Israel
  • Prof. Haim Yacobi, Development Planing Unit, University College London
  • Prof. emeritus Moshe Zimmermann, Koebner Minerva Center for German History, Hebrew University, Jerusalem
  • Prof. emeritus Moshe Zuckermann, Tel Aviv University