Der Gesinnungsausweis

Es zeichnet sich ab, dass Journalisten keinen aktualisierten Presseausweis mehr erhalten, wenn sie nicht stromlinienförmig schreiben.

 

 

Eigentlich war ich seit meinem Abgang beim Bayerischen Journalistenverband im Jahr 2016 gerne ein passives Mitglied bei Freischreiber, einem Verband freier Journalistinnen und Journalistinen. Aber eben nur eigentlich, wie ich erst jetzt erfahre. Denn meinen Presseausweis habe ich bis vor ein paar Tagen zwar jedes Jahr ohne Probleme über Freischreiber beantragt und bezogen, aber kaum gibt es mit dem Freischreiber-Partnerverband FREELENS ein nicht begründetes Problem, ist Schluss mit ohnehin nie in Anspruch genommener Hilfe des Verbands.

 

Um also nicht viel drumherum zu schreiben, hier die Korrespondenz zur freien Verfügung und Verbreitung auf meinen alljährlichen Antrag zur Ausstellung eines Presseausweises für das Jahr 2022. Beginnend mit lieber und so weiter schrieb ein gewisser Ken Mehlen von FREELENS e.V. am 26. November 2021 um Punkt 15 Uhr also wie folgt:

 

»deinen Antrag auf den Presseausweis 2022 haben wir erhalten.

 

Nach Prüfung aller Unterlagen müssen wir dir leider mitteilen, dass wir dem Antrag nicht stattgeben werden.

 

Dieser Beschluss ist endgültig und bedarf keiner weiteren Begründung.

 

Mit freundlichen Grüßen
i.A. Ken«

 

Nachdem ich wegen keiner erkennbaren Begründung am 26. November 2020 um 23:50 Uhr an post@freelens.com retournierte:

»Sehr geehrter Herr Mehlen,

 

seit dem Jahr 2017 erhalte ich den Presseausweis über meine Mitgliedschaft bei Freischreiber. Und zwar durchgehend jedes Jahr. Ich schreibe hauptberuflich als freier Journalist und Autor, was ich mit ein paar Rechnungskopien aus dem aktuellen Jahr erneut und wie gewünscht belegt habe. Es nervt auch, den Status ständig nachzuweisen. Wenn sich an meinem Status nämlich etwas ändern sollte, dann benötige ich keinen Presseausweis und keine Verbandsmitgliedschaft mehr. Außerdem habe ich in den letzten Jahren für RT Deutsch, junge Welt, Telepolis, NEOPresse, Hintergrund, amerika21, Pressenza, Rubikon, Neue Debatte, Deutsche-Wirtschafts-Nachrichten, NachDenkSeiten, neues deutschland sowie weitere Print- und Onlinemedien geschrieben.

 

Dass die Ausstellung meines Presseausweises für 2022 jetzt ohne Begründung einfach so verweigert wird, ist ja schon fast witzig, allerdings bloß fast und kann auch nur an meinen eingereichten Rechnungsempfängern (hier RT Deutsch und Rubikon) liegen, also politisch motiviert sein. Oder wurden meine Texte und Interviews, etwa mit KenFM, nun nicht gebilligt? Nach meinem Impfstatus als freier Journalist haben Sie übrigens noch gar nicht gefragt. Hier scheint also ein ordentliches Missverständnis von Presse und Freiheit vorzuliegen. Bravo, das wäre voll im Zeitgeist. Nur der Vereinsname FREELENS würde dann noch in die Irre führen.

 

Ihre Antwort nehme ich also mit vollem Ernst und Schrecken zur Kenntnis, leite diese aber mit einer kleinen Beschwerde an meinen Verband weiter, behalte mir die Publikation unserer kurzen Brieffreundschaft vor und werde die grundlose Antwort natürlich meinen Auftraggebern sowie weiteren alternativen, unabhängigen oder auch freien Medien sehr gerne zur Verfügung stellen.

 

Ob eine Mitgliedschaft bei Freischreiber für mich nach diesem Fall der Fälle aber weiterhin sinnvoll ist, mache ich auch und besonders davon abhängig, ob mir mein Presseausweis für 2022 noch länger grundlos stur verweigert wird. Oder eben nicht.

 

Sollte es sich bei Ihrer, also Deiner zweifelhaften und geheimnisvollen Antwort allerdings doch nur um ein Missverständnis handeln, dann bitte ich auch mein Schreiben selbstverständlich vorab zu entschuldigen, duze geschmeichelt zurück und erwarte schon sehnsüchtig meinen Presseausweis für das kommende Jahr.

 

Abgesehen davon wusste ich nicht, dass wir uns kennen „lieber“ Ken i.A.!

 

Mit ebenso freundlichen Grüßen
Flo Osrainik
(ein) freier Journalist & Autor«

 

Eine Antwort darauf gab es nicht, dafür habe ich die kleine Hin-und-Her-Texterei an meinen Verband weitergeleitet. Nämlich ganz genau so:

»Mein lieber Verband,

 

nachdem ich als freier Journalist und Autor nun seit einigen Jahren unter der Mitgliedsnummer 1003037 eigentlich recht gerne Freischreiber-Mitglied bin, ich es mit der Freiheit auch im Verbandsnamen sogar wörtlich nehme, soll mir vom Freischreiber-Partner FREELENS nun plötzlich kein Presseausweis mehr ausgestellt werden. Einfach so. Also kurz, knapp und endgültig. Eine Begründung sei dafür natürlich auch nicht nötig.

 

Diese totalitäre Freiheit nimmt sich FREELENS dann einfach mal so raus, was ja gerade schick und angesagt ist. Nun habe ich meine Freischreiber-Beiträge als passives Mitglied aber jedes Jahr schön brav gezahlt, um eben meinen Presseausweis zu erhalten. Den brauche ich nämlich nicht als Autor, aber als freier Journalist. Weitere Leistungen habe ich so gut wie nie in Anspruch genommen — nicht einmal meine Bücher lassen sich auf meinem Freischreiber-Profil einstellen. Wieso man mir den Ausweis in diesen schrecklich spannenden Zeiten nun verweigert, kann dann ja nicht mehr allzu viele Gründe haben, siehe eben unten. Und helft mir bitte auf die Sprünge: Weshalb sollte ich meine Freischreiber-Mitgliedschaft denn dann noch brauchen? Oder wer stellt mir meinen Ausweis nun aus?

 

Trotzdem beste Grüße.
Flo Osrainik,
ein auch im Kopf noch
freier Journalist & Autor«

 

Die Antwort vom Verband am 30. November 2021, 12:33 Uhr:

»Sehr geehrter Herr Osrainik,

 

Der bundeseinheitliche Presseausweis wird gemäß einer Vereinbarung zwischen der Innenminister|innenkonferenz und dem Presserat von fünf Verbänden, zu denen auch unsere Partnerin Freelens gehört, ausgegeben. Die in der Vereinbarung festgelegten Kriterien für die Ausgabe sind dabei für alle ausstellenden Verbände verpflichtend; eine Ausgabe darf nur erfolgen, wenn diese Kriterien erfüllt sind. Welche Bedingungen an den Antrag auf Ausstellung eines bundeseinheitlichen Presseausweises geknüpft sind, wird von Freelens im Antragsformular ausführlich erläutert. Die zu Grunde liegende Vereinbarung ist auf der Seite des Presserats unter www.presserat.de/presseausweis.html abrufbar.

 

Die Erfüllung der einheitlichen Kriterien für die Ausstellung des bundeseinheitlichen Presseausweises ist bei jeder Antragstellung neu zu belegen und wird dann jeweils auf Grund der übersandten Belege neu geprüft.

 

Der bundeseinheitliche Presseausweis wird von unserem Partnerverband Freelens in Eigenverantwortung ausgestellt; Freischreiber — Berufsverband der freien Journalistinnen und Journalisten hat auf die Antragsbearbeitung keinen Einfluss und wird auch nicht den Versuch unternehmen, darauf Einfluss zu nehmen.

 

Aus Verbandsmitgliedschaft und Beitragszahlung ergibt sich kein Anspruch auf die Ausstellung des bundeseinheitlichen Presseausweises. Eine Antragstellung ist auch ohne das Vorliegen der Mitgliedschaft bei Freischreiber möglich.

 

Mit freundlichen Grüßen,

Oliver Eberhardt«

 

Et voilà, es ist noch immer der 30. November 2021, nun aber schon 21:48 Uhr:

»Sehr geehrter Herr Eberhardt,

 

klasse. Und vielen, vielen Dank. Na was für eine Überraschung, da haben Sie sich doch tatsächlich nicht lumpen lassen und für ein langjähriges Mitglied mal so richtig auf den Tisch gehauen. Nachdem sich an meinen eingereichten „Kriterien“ im Vergleich zu den Vorjahren aber auch rein gar nichts geändert hat, ist von Ihnen, also von „meinem Verband“ in Bezug auf die nicht existente Begründung ihres Partners, mir meinen Presseausweis für 2022 zu verweigern, ja gleich mal noch viel weniger zu lesen. Also mache ich mich eben auf die Suche nach einem neuen Verband. Vielleicht. Fassen Sie diese Mail dann mal ganz ruhig als eine ordentliche Kündigung meiner Mitgliedschaft zum nächstmöglichen Zeitpunkt auf, denn hier scheint ja ein mittelschweres Missverständnis auch rund um den Begriff „Frei“ vorzuliegen.

 

Nach der Vereinbarung des Presserats habe ich übrigens überhaupt nicht gefragt. Oder? Denn bei mir hat sich nämlich, wie gesagt, nichts geändert. Ob eine Mitgliedschaft mit einem „Anspruch auf die Ausstellung des bundeseinheitlichen Presseausweises“ verbunden ist, wollte ich genauso wenig wissen. Aber macht nichts, ich kenne das aus Presseanfragen. Und dass Sie sich als Vertreter in dieser Sache, also in einer Hochphase jener löblich freien Presse in einer noch freieren Gesellschaft für einen Verband so freier Schreiber entspannt zurücklehnen, ist eben typisch.

 

Alles Weitere zu unserem kleinen Fall dann vielleicht doch noch über — igitt — tatsächlich freie, also unabhängige Medien à la Rubikon oder — ojemine — so ziemlich abschreckend alternative Medien wie RT Deutsch. Zumindest aber über meinen Blog.

 

Dann noch weiterhin viel Spaß beim freien Schreiben im klitzekleinen Meinungskorridor. Und entschuldigen Sie die fehlenden Gendersternchen zur Rettung schlecht bezahlter Frauen und Freischreiberinnen auf der ganzen Welt.

 

Mit obligatorischen Grüßen,
Flo Osrainik,
FREIER Journalist & Autor«

 

Und das lässt ein echter Eberhardt nicht auf sich sitzen. Um haargenau 22:22 Uhr desselben Abends ist das Stück vollbracht:

»Sehr geehrter Herr Osrainik,

 

Hiermit bestätige ich Ihnen Ihre Kündigung zum 31.12.2021. Der Kündigungstermin ergibt sich aus der Satzung.

 

Oliver Eberhardt«

 

Na also, es geht auch ohne alberne Floskeln. Und so sah es bis zum Schluss aus, mein sensationelles Freischreiber-Profil:

 

 

PS: Kleinere Vertipper bitte ich vorsorglich zu entschuldigen, muss dann wohl am fehlenden Lektorat eines freien Schreibers und der allgemeinen Hetze liegen.

 

 

Mein Beitrag erschien bei Manova und Neue Debatte.

 

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